Chris   Mennel
KUNST

Schubladen
Home ] Nach oben ] Schlagloch ] Originale ] [ Schubladen ] Essay ] Presse ] Kompass ] Expansion ] Kunst 2000 ] Weg ] Kunst 2015 ] Kunst 2016 ]

 Was war ich denn nun?   

  Ein Innehalten und Rückblicken im Moment der Erstellung der Homepage "Nomadenkunst" 2011, mit einem Update 2014

1. Von etwa 15 bis 18, kurz und jung, war ich ein "Aquarellist", ein Maler. Der Kunstunterricht bei Günther Scholl ist der umfangreiche Auslöser, aber die häuslichen Weitermalereien, einige Malexzesse im Urlaub erscheinen mir qualitativ als die Hälfte des Malergebnisses - quantitativ sind das etwa 20 Prozent meiner Aquarelle. Diese Aquarelle halte ich für ein abgeschlossenes Werk. An ihren technischen Grenzen liegen kindliche Wachsmalereien und nachschulische Versuche, noch einmal zu malen - Acryl, Öl - aber das bleiben Geräusche, während der eigentliche "farb.land"-Klang sich in meiner Pubertät entfaltete. Ein vordergründig hässlicher Klang. Eine Aquarell-Welt, die eine betrachtende Viertelstunde erbittet, und versprechen kann, dass sie dann, indem ihre Spielregeln sich visuell erklären durften, zu toben und zu berichten beginnt.

2. Von etwa 8 bis 18, und nochmals von 21 bis vielleicht 30, war ich ein Grafiker. Das war die Zeit, in der ich die rohen Grundlagen von "form.land" mit dem Kugelschreiber anfertigte. Und zwar immer dann, wenn Menschen um mich herumsaßen und die Zeit sich dahinschleppte. Mit der Geste, ich würde irgendetwas notieren, zeichnete ich. Nach der Schulzeit zeichnete ich meist nur noch Linien mit einem blauen oder schwarzen Kugelschreiber. In der Schulzeit erstellte ich pubertäre Grafiken mit dem Arsenal meines Schreibmäppchens. Etwa 200 fantastische kindliche Zeichnungen, meinen grafischen Anfang zwischen 8 und 10, hat meine Mutter weggeworfen. Genau ein gemalter Fisch aus dieser Zeit überlebte, eines der damals mickrigsten Bilder. Als Lesezeichen rutschte dieser Fisch, vergleichbar mit dem lebenden Fossil "Latimeria",  mir ein Jahrzehnt später aus einem Buch entgegen: Gemordetes erstes Künstlerleben.
Überlebt hat dann das skurrile Grafik-Werk des Gymnasialschülers. Es füllt nun eine grafische Abteilung meines "form.land"-Museums. Da entwickeln sich nebenbei kleine Malpflänzchen, die dann den eigenen Stil zeigen, mit dem ich in den folgenden zehn Jahren Konferenzen füllte.
Diese Grafik war kompositorisch erste Sahne, maltechnisch aber unzureichend. Ich trug sie durch die Zeit, und diese Zeit trug mir Malprogramme am Computer zu, mit der ich ab 2011 die Kompositorik der Grafiken würdigen konnte. Mir ist, als hätte ich von 18 bis 30, zur rechten Zeit, grafische Entwürfe gezeichnet, und nach meinem vierzigsten Lebensjahr dann, auch wieder zur rechten Zeit, die Entwürfe professionalisiert.
Die Aufarbeitung durch computergrafische Arbeit bei meinen Kugelschreiber-Grafiken bewerte ich als hälftige Leistung neben dem Zeichnen der Entwürfe Jahrzehnte früher. Und nahtlos im Bildeindruck fließt das über in ganz aus dem Computer gewachsene Grafik. Mein Museum "form.land" wird damit mehrspurig: Handerstellte Grafik, am Computer aufgearbeitete handerstellte Grafik, rein am Computer erstellte Grafik und schließlich Skulpturen. Ein großer Bogen - der aber in meiner Seele eine einzige Kunstwelt umreißt: Hinter ihr liegen die wabernden Farbflächen, und vor ihr liegt alles, was aus der Fotografie heraus wuchs.

3. Ziellos fotografierten ein Mitschüler und ich ungefähr in unserem siebzehnten Lebensjahr ein wenig und entwickelten es im Schwarzweißlabor. Ziellos fotografierte ich auch als Student, der irgendwie immer ein Schwarzweißlabor zur Verfügung hatte. Na gut, ich gebe es zu: Das Ziel wurden zunehmend Aktfotos. Privat dichtete ich da Hymnen auf die hübschen nackten Körper. Veröffentlichen muss ich das nicht. Auch Farbfotos fotografierte ich ab etwa 17 selbst. Das waren vor allem Reisedokumentationen. Später dann die erste exklusive Fotodokumentation: Wandmalereien meines Studentenwohnheims. Da habe ich die Kamera wohl zum erstenmal auf  "Kunst" gerichtet. Insgesamt fotografierte ich nur Privates und Dokumentarisches bis 1992. Fotos direkt als als Kunstwerk? Nein, kein Gedanke daran. Aus dem Rat eines Fotografen - "knipse immer Dias, die sind fototechnisch am vielfältigsten einsetzbar" heraus erstellte ich bei Buntaufnahmen fast nur Dias. Das erwies sich als Weichenstellung für spätere Sandwichdias und den Fotoeinsatz in "Hyperkino".

1992 sichtete ich im Atelier des Uni-Film Stuttgart alle meine bis dahin angehäuften Fotos. Erstens erhielt ich da ein Gefühl für das eigene künstlerische Foto an sich - etwa 500 von 5000 Fotos empfand ich, obwohl ganz nebenbei geschossen, schon als gut. Zweitens aber, zentraler: Die Sandwichtechnik explodierte vor meinen Augen. Ich legte Dias paarweise am Lichttisch übereinander und traf auf surreale Bilder. Meine Fotosichtung verlangsamte ihr Tempo, und ich erstellte etwa ein halbes Jahr lang manisch Sandwichdias. Als alle damaligen Fotos gesichtet waren, als dabei etwa Tausend Sandwichdias ihren eigenen, von mir so nie anderswo gesehenen Kunstanspruch anmeldeten, fühlte ich mich innerlich satt und leer. Spätere Versuche, aus zwei übereinandergelegten Fotos Kunstwerke zu montieren, klappten nie mehr. Diesen Sandwichfotos widme ich eine eigene Domain "Psychodelia", und es gefällt mir, dass sie Ausgeburt einer auf 1992/93 datierbaren einzigen manischen Schaffensphase sind.

Vierspurig kommt mein Museum der Fotografie "Phantaphoto" insgesamt daher: Erstens gibt es eine kleine Welt der veröffentlichbaren Schwarzweißfotos. Ihnen widme ich insbesondere den Text-Foto-Band "Beton City". Zweitens gibt es Farbfotos, die ich an sich, ohne Trick und Nachbearbeitung, für gut halte. Da sehe ich mich umgeben von mächtiger und wunderbarer fotografischer Konkurrenz - und vermeide den Wettbewerb. Stattdessen liebe ich die Nutzanwendung. 

Meine Kunstfotos dienen als Covers, Textpartner, Bestandteil einer Geschichte, als Moment einer Bildschau in "Hyperkino". Nicht unwesentlich: Meine Eigenfotos ersparen mir den Stress des Erwerbs von Urheberrechten. In einer dritten Spur bewegen sich meine Sandwichfotos. Und viertens, am ehesten in der Tradition der Sandwichfotos, haben sich bei der Computeraufarbeitung meiner gescannten Dias zwischen 2008 und 2010 stolze Heere von Fotomontagen dazugesellt. Das wandert hinüber zum Konzept, Fotos malen zu lassen - von Maschinen, von Auftragsmalern, mal schauen. Die Domain "Augenweiden" zeigt meine Vorstellungen.
..........................................................................................

4. Zwei Abteilungen hat mein "Filmmuseum". Seine eine Abteilung ist schlicht das filmische Archiv von "Hyperkino". Die Filme dort sind "Endlosfilme", eine von mir kultivierte Kategorie aus kargen, wortlosen, langen Filmszenarien. Als ehemaliger Super-8-Filmer hatte ich mich da ins plötzliche Geschenk des stundenlangen Filmenkönnens mit der Videokamera so hineingestürzt, wie es nur in Pionierphasen eines Mediums passiert. 
Die andere filmische Abteilung ist nicht in dem Sinne mein Eigentum, wie es Malereien, Grafiken, Fotos und Endlosfilme sind. Alle meine Kurzfilme nämlich entstanden aus Gruppenimpulsen heraus. Schon 1996 veranstaltete ich im Kommunalen Kino Stuttgart eine Werkschau mit dem Titel "Heimkino endlos" - und diese Überschrift umreißt bis heute am treffendsten den Mischmasch, wie er eben bei Teamarbeit herauskommt. Radikal und banal sehe ich da gar nichts als "Kunst" an. Künstler, die ihre Hotelaufenthalte filmen, ihren Alltag stilisieren, gibt es schon, und sie machen das durchaus glaubhaft. Meinen Kurzfilmen bis 2011 hingegen glaube ich nur die Tendenz zur Party: Ich bin auf ein Filmprojekt aufgesprungen, wenn es ein vergnügtes Gruppenereignis zu werden versprach. Sei es beim Drehen, sei es beim Herumgereichtwerden in irgendwelchen Kurzfilmfestivals: Filmemachen taugt als Action-Urlaub. Man muss sich nur vor Überarbeitung hüten. Bloß kein Film in Kinolänge! Bloß kein szenischer Aufwand! Meine Kurzfilme sind Eintagsfliegen, Trash-Werke, Amateurproduktionen. Heim zum Heimkino mit ihnen :-)

5. Meine Medienkunst möchte ich eigentlich da platzieren, wo die Bildhauer meißeln. "Installationen", Environments" - die Künstler haben ihren Konstruktionen ausufernde Namen gegeben. Bei mir gibt es im Kern aber echte Skulpturen, im Erstentwurf fast immer in Metall erstellt, doch ohne weiteres in Beton z.B. fortführbar, wie "Polyphem" mit seinem einen Auge, "Plasmatier", "Er gegen ihn", "Tiefenhöhen". Solche Skulpturen sind mein Drehpunkt, aus dem heraus dann Raumgreifendes wie "Teleskop" und "Fernsehklinik" wuchert. Im Herzen habe ich bei "Medienkunst" meinen Wunsch nach mindestens menschengroßer räumlicher Skulptur, bis hin zu elektrischer Architektur, ausgelebt.

Die innere Vorgeschichte, bei der ich schon im Medium badete, ohne Medienkunst zu betreiben, ist sehr speziell: Etwa zwei Jahre arbeitete ich gelegentlich als Fernsehmoderator - 1991 und 1992. Der Tag auf dem Volksfest in Bad Cannstatt, als mir die Sekretärin beim Warten auf die Achterbahn mit den drei Loopings sagte "Der Chef will dich ausrangieren", führte dazu, dass ich am Folgetag eine Freundin fragte: "Hey, ich bin bald raus aus dem Laden, aber das war klasse. Willst du mich als Medienkünstler managen?"

6. Gedichtet habe ich ab 13. Bis ich 18 war, gab es von mir etwa 50 Gedichte. Mickrig das ganze also. Wir hatten eine Klasse mit drei Jung- Dichtern, einer davon, nicht ich, war sogar gut. Beim Weiterleben passierten mir Gedichte sehr nebenbei und gingen sicher zur Hälfte verloren. Ich sitze heutzutage auf vielleicht 500 Gedichten und denke, dass die Welt sie nicht eigentlich braucht. Prosa getextet habe ich nur vorübergehend in meiner Studentenzeit. Da wuchs zwar rasch einiges an Literatur - aber ich folgte später nicht dieser Spur. Meine Bühnenstücke, die Beton-City-Kurzprosa - all das war bis 1996 etwa fertiggestellt. 
Meine Aquarelle verkaufe ich niemandem, und meine Texte liegen zum Verschenken herum.

7. "Zum Verschenken" wird die Kunst ja ganz überwiegend seit der digitalen Revolution. Ab der Erfindung des Buchdrucks ist Lesbares und Grafisches billig. Seit der Erfindung der Fotografie verewigt auch das Volk, was es sieht. Die Erfindung der Schallplatte und des Tonbandes konservierte zunächst Musik, alsbald ging der aufgenommene dem aufgeführten Klang sogar voraus. Ab den letzten Achzigern rollte dann mit der Wucht einer exponentiellen Wachstumskurve die Zerlegung von allem und jedem in Nuller und Einser ins Heim - die Digitalisierung. Ich habe das miterleben dürfen - heraus aus dem Analogen flutschte ich ins Digitale und widme ihm z.B. "Augenweiden - Gemälde aus Fotos": Was der Computer künstlerisch packen kann, gebe ich ihm zum Fressen.

8. Das war es - Punkt 1 bis 7. Produkte von "form.land", Werke der "Augenweiden" und Fotos insbesondere aus "Psychodelia" biete ich zum Verkauf an. Die Filme führe ich gelegentlich vor. Bereit stehen meine Museen "farb.land" mit Gemälden, "form.land" mit Grafik und Skulptur, "Phantaphoto" mit Fotos von nützlich bis kunstvoll, "Hyperkino", ein "Tempel aus Filmen" und schließlich "Visionum - das Museum der Ausstellungen". Wenn jemand eine Idee und die Mittel zur Verwirklichung hat, um einige meiner Werke mit Party zu verknüpfen, und wenn dabei Werbung für Firmen nicht mit meinen Werken verknüpft wird - das ist mein Fahrwasser.